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Ein Blick hinter die Kulissen einer Literaturausstellung und darüber hinaus: In unregelmässigen Abständen vertiefen Autor:innen, Studierende und weitere Beteiligte in diesem Blog ausgewählte Inhalte der Galerie Litar. Ein vielstimmiger Raum, wo die verschiedenen Fäden einer Ausstellung zusammenlaufen.

 

Pionierinnen – Generationengespräche

Dunkelkammer: Ausstellungsansicht Aussen ist innen

Bild: Liliane Studer, Foto: zVg. Bild: Jil Erdmann, Foto: Anne Morgenstern

 

Feministische Verlage: Netzwerke von und für Frauen

Rund zwanzig Frauen und ein Mann sitzen an einer langen Tavolata in der Galerie Litar: Verlegerinnen, Autorinnen und Leserinnen reichen sich Bücher von schreibenden Pionierinnen herum, hören einander gespannt zu und löffeln nur ab und an etwas Suppe – allzu versunken sind sie im Gespräch. Mehrere Generationen treffen aufeinander, alle angelockt von der Leitfrage des Abends: Weshalb braucht es feministische Verlage – damals wie heute?

Mit Liliane Studer (*1951) und Jil Erdmann (*1994) sind zwei Frauen zu Gast, die an vorderster Front von feministischen Verlagen stehen oder standen: in den 1990er Jahren im eFeF-Verlag (Liliane Studer) und im 2020 gegründeten Verlag sechsundzwanzig (Jil Erdmann). Beide Verlage teilen die Vision, vergessene Autorinnen zu entdecken, zeitgenössische Autorinnen zu fördern sowie Netzwerke von und für Frauen aufzubauen.

Als Anpackerinnen und Netzwerkerinnen zeigen Studer und Erdmann, wie sie der prekären Buchbranche trotzen – weil sie es wollen und müssen. Ein Buch kann dabei den entscheidenden Ausschlag geben: Für Erdmann war es die von Ruth Mayer herausgegebene Anthologie «Frauen erfahren Frauen», die 1982 in der legendären Edition R+F erschienen und mittlerweile vergriffen ist. Ein Fund, der sie dazu inspirierte, die Anthologie neu aufzulegen und die historischen Texte mit zeitgenössischen Stimmen in einen Dialog zu bringen – und für diesen Zweck einen eigenen Verlag zu gründen. Ihre Idee fand innerhalb der Community grossen Zuspruch und wurde durch ein Crowdfunding ermöglicht: 2021 erschien im Verlag sechsundzwanzig die Neuauflage von «Frauen erfahren Frauen» – quasi ein Generationengespräch in Buchform zwischen Verlegerinnen, Autorinnen und Leserinnen. Solche gemeinschaftlichen Projekte gab es in den 1970/80er Jahren viele, erinnern sich einige Teilnehmerinnen der Tischrunde. Ein besonderer Spirit habe damals in der Luft gelegen, ein spürbarer innerer Drang, einfach auszubrechen, Ideen umzusetzen und Kollektive zu gründen. Sich zusammenzuschliessen sei immer eine Chance, meint Studer, denn die Frage sei dann nicht, wie wir etwas nicht schaffen, sondern wie wir es schaffen.

Auch wenn ein starkes «Wir» hinter einer Verlagsgründung stehen kann, wie etwa das fünfköpfige Gründerinnen-Kollektiv beim eFeF-Verlag oder die rund 500 «Wemakeit»-Unterstützer:innen beim Verlag sechsundzwanzig, so bleiben die strukturellen Herausforderungen bestehen: Zwischen Wirtschaftsunternehmen und Kulturinstitutionen fallen Verlage oftmals zwischen Stuhl und Bank und fänden dadurch kaum Unterstützung, erklärt Studer. Die finanzielle Notlage des Buchmarkts beschäftigt die gesamte Tischrunde: Sei es die unzureichende Strukturförderung von Verlagen oder sei es die mangelnde Absicherung von Autorinnen, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Rentabel ist die Literaturbranche nicht; doch alle anwesenden Frauen sind sich einig, trotzdem weiter zu verlegen und zu schreiben. Und das für alle – schliesslich seien Frauenthemen, so Studer, auch Weltthemen, und hoffentlich beschränkt sich die Leserschaft nicht nur auf Frauen.

–      Veranstaltungsbericht von Nicole Schmid, Litar.

 

Liliane Studer

Liliane Studer (*1951) ist Lektorin, Literaturvermittlerin und Publizistin. Viele Jahre war sie in der Verlagswelt tätig: Sie leitete unter anderem den eFeF-Verlag, war Co-Verlegerin beim Limmat Verlag und Lektorin beim Dörlemann Verlag.

Jil Erdmann

Jil Erdmann (*1994) ist gelernte Buchhändlerin und war an unterschiedlichen Orten in der Buch- und Verlagsbranche tätig. Sie ist Gründerin, Verlegerin und Geschäftsführerin des Verlags sechsundzwanzig.

Pionierinnen – Generationengespräche

Der Tavolata-Abend «Feministische Verlage: mit Liliane Studer und Jil Erdmann» am 9. April 2026 war der Auftakt der Reihe «Pionierinnen – Generationengespräche» in der Galerie Litar. Eine lockere Tischrunde mit wechselnden Gästinnen, Generationengesprächen und Gerichten. Jeder Abend ist einer schreibenden Pionierin gewidmet. Mehr Infos: Agenda