Blog
Ein Blick hinter die Kulissen einer Literaturausstellung und darüber hinaus: In unregelmässigen Abständen vertiefen Autor:innen, Studierende und weitere Beteiligte in diesem Blog ausgewählte Inhalte der Galerie Litar. Ein vielstimmiger Raum, wo die verschiedenen Fäden einer Ausstellung zusammenlaufen.
Pionierinnen – Generationengespräche
Bild: Verena Stefan, 2013, Foto: Katrin Simonett.
Verena Stefan: Welt ausbrüten
W A N N K
O M M T
D E R T A G
A N D E M
F R A U E N
an dem Frauen was?
... sich ohne Angst bewegen können in der Nacht?
... endlich sagen: JETZT REDE ICH?
... alleine auf Reisen gehen?
... tatsächlich gleichgestellt sind?
... frei sind – überall auf der Welt?
In Verena Stefans Buch «Häutungen» (1975) schiebt die junge Erzählerin die Buchstaben zusammen. DER TAG IST DA: Sie häutet sich wie eine Schlange und gleitet in ein neues Leben. Sie wendet sich von der Liebe zu Männern ab und der Liebe zu Frauen zu. Sie erkundet ihren Körper und untersucht patriarchale Strukturen in der Gesellschaft. Das Buch bietet intime Einsichten ins weibliche Innere und vereint das Allerprivateste mit dem Gesellschaftlichen. «Häutungen» ist die Geschichte einer Emanzipation und es ist die Suche nach einer Sprache für das eigene Erleben.
Das Buch war bei seinem Erscheinen 1975 ein Ereignis: Es wurde zum Kultbuch der Neuen Frauenbewegung, eine ganze Generation deutschsprachiger Frauen las es, und bis 1980 wurden über 200 000 Exemplare verkauft. Wie aktuell das Buch heute noch ist und wie inspirierend für jetzige Leserinnen und Autorinnen, haben die vielen Jubiläums-Veranstaltungen im 2025 gezeigt: 50 Jahre «Häutungen».
Wie erging es Verena Stefan mit dem Buch? 1975 wurde sie mit einem Schlag zu einer öffentlichen Person: «Etwas ist VOR Häutungen gewesen oder NACH Häutungen. Nichts ist mehr, wie es gewesen ist.», schreibt sie im Vorwort zur Neuauflage 1994: «Häutungen ist die Geschichte eines Buches, das sich ereignet hat. […] Für mich ist es vor allem die Geschichte der Autorin, die ich geworden bin.»
Etwa zur selben Zeit, Mitte der 1990er Jahre habe ich «Häutungen» zum ersten Mal gelesen, Ich war kaum zwanzig, eine feministische Studentin, und das Buch traf mein Lebensgefühl kein bisschen. Jedenfalls habe ich es damals nicht fertig gelesen, meine Randnotizen versiegen bald, ich muss einiges überblättert haben. Mein Herz schlug damals für Elfriede Jelinek, die Schärfe ihrer Texte entsprach mir mehr. Im Rückblick frage ich mich, ob das auch mit dem Sexismus der 1990er Jahre zu tun hatte? Es war die Zeit, als Kritiker noch von «Fräuleinwunder» sprachen und Autorinnen meinten. Der Begriff «Frauenliteratur» hatte einen negativen Beigeschmack, so wurden Texte abqualifiziert, die nicht in gängige männliche Raster passten.
Jetzt bin ich fünfzig und weit weg von der Lebensphase, die die junge Protagonistin durchläuft. Doch beim Wiederlesen gefällt mir das Buch. Phasen der Häutungen gibt es wohl mehrere im Leben, und so auch Zeiten, in denen dieses Buch etwas zum Schwingen bringt. Sätze graben sich ein und hallen nach, so sehr, dass ich endlich die Autorin kennen lernen will, die sie geworden ist.
Wie recht Verena Stefan hatte: «Häutungen» war nur der Startschuss. Was für eine Entdeckung sind die Werke, die nach dem Erstling folgten. Am eindringlichsten finde ich «Fremdschläfer» (2008), ein vielschichtiges Buch über Migration und Fremdheitserfahrungen. Voller Gedanken, was es bedeutet, zwischen den Sprachen zu sein, die eigene schriftstellerische Berufung zu leben, in einem Land, wo nicht einmal die eigene Partnerin ihre Texte versteht. Im Zentrum steht der eigene Körper, die Krebserkrankung, die 2002 erstmals diagnostiziert wurde und an der sie 2017 stirbt. Sie schreibt sinnlich und zugleich beobachtet sie von aussen ihren Körper, die Behandlungen und Prozeduren. Trotz der Schwere geht etwas enorm Heilsames von ihren Texten aus. Auch von ihrem letzten Memoir «Memory of Running: Living with Cancer 2012–2016». Es ist das einzige Buch, das Stefan auf Englisch geschrieben hat. Im Original bis heute unveröffentlicht, ist es postum auf Deutsch erschienen mit dem Titel «Ein Riss im Stoff des Lebens» (Nagel&Kimche 2021, übersetzt von Anke Caroline Burger). Es geht darin um buchstäblich alles: das Leben und Sterben, das sich im Zyklus der Natur verdichtet, im Wachsen, Blühen und Vergehen der Pflanzen. Verena Stefan war als Sprachkünstlerin und Gärtnerin mit dem Leben verwachsen. Die Autorin Esther Spinner schreibt in einem Brief vom 28. April 2025 an die verstorbene Freundin:
«Liebe Vera
[…] Wer bist du, Vera, jetzt, wo du nicht mehr bei uns bist? Schon jahrelang müssen wir leben ohne dich, finden dich höchstens im Garten, die Hände voller Erde, während wir pflanzen und hacken und die Regenwürmer verschonen. Und wir finden dich in deinen Büchern, in deiner Sprache. Doch Antworten kommen von dir keine mehr.»
Blogbeitrag: Christa Baumberger
Künstlerische Leiterin von Litar. Von 2009 bis 2018 arbeitete sie am Schweizerischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek, wo auch der Nachlass von Verena Stefan aufbewahrt wird.
Gartenparadies Litar – Verena Stefan
Mit Esther Spinner und Anke Caroline Burger
Der literarische Abend im Gartenparadies Litar lud zu einer Femmage an die Autorin Verena Stefan (1947–2017) und ihren Garten in Kanada ein. Mit Lesung und Gespräch der Autorin Esther Spinner und Übersetzerin Anke Caroline Burger aus Stefans Memoir «Ein Riss im Stoff des Lebens» (Nagel & Kimche 2021).
Verena Stefan, 1947 in Bern geboren, lebte nach der Matura in Berlin, wo sie als Physiotherapeutin arbeitete und sich in der Neuen Frauenbewegung engagierte. Mit ihrem Erstling «Häutungen», der 1975 im Verlag Frauenoffensive erschien, wurde sie international bekannt. 2000 übersiedelte sie zu ihrer Partnerin nach Montréal (Kanada). In ihrem Werk vereinen sich autobiografische Themen, Nature Writing und poetologische Reflexionen. Sie starb nach langer Krebserkrankung 2017 in Montréal.
Weiterlesen:
Verena Stefan: Ein Riss im Stoff des Lebens. Ins Deutsche übersetzt von Anke Caroline Burger. Zürich, Nagel & Kimche 2021
Verena Stefan: Fremdschläfer, Zürich, Ammann 2007
Esther Spinner: Codewort: Wörtelein, WOZ, Nr. 42, 16.10.2025

Bild: Anagramme aus dem Atelier Litera im Garten von Litar, Foto: Team Litar.
Anagramme im Gartenparadies
Permutation, Letterntausch, rhetorisches Stilmittel oder Worträtsel – ein Anagramm ist mathematisch, spielerisch, literarisch oder verleitet dazu, den Kopf zu wenden und den Blick zu wechseln. Es ist das Umtauschen der Buchstaben eines Wortes oder Satzes zu einem neuen Wort oder Satz. Die einzige einzuhaltende Regel: Alle Buchstaben des gewählten Ausgangswortes oder -satzes – auch Programma genannt – müssen wieder verwendet werden. Ansonsten herrscht orthografische und grammatikalische Freiheit (Definition nach Esther Spinner). Vom griechischen Grammatiker und Dichter Lykophron aus Chalkis (ca. 320–280 v. Chr.) über die deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin Unica Zürn (1916–1970) bis hin zur Schweizer Autorin und Anagrammdichterin Esther Spinner (*1948) – seit der Antike faszinieren Anagramme, die während des Dadaismus nochmals einen Aufschwung erlebten.
Rund um Esther Spinner erhalten die Wortgebilde aber auch heute noch eine Bühne: So verwandelte sie im Rahmen des Sommerfests «Gartenparadies – Litar», das am 3. Juli 2026 stattfand, die Galerie Litar in ein Anagramm-Atelier und lud zum Buchstabenspiel ein. Eine kleine aber feine Ausstellung zeigte zudem die Vielfalt an Anagrammen auf: Farbanagramme von Esther Spinner, Anagramme in Brailleschrift, oder wie durch das Umstellen der Buchstaben ganze Kinderbücher entstehen können.
Die Freiheit, die das Anagrammieren mit sich bringt, machte sich auch das Atelier Litera zunutze: In einem Workshop mit Kindern der Schule Lenzburg wurde unter der Leitung der Autorin Svenja Herrmann bereits im März 2026 eifrig mit den Buchstaben experimentiert. Entstanden sind nicht nur Anagramme, sondern auch fantasievolle Wortschöpfungen, die ebenfalls in der Anagramm-Ausstellung zu sehen waren und hier nochmals präsentiert werden:
Atelier Litera – Elira Titlereta
Elira Titlereta (lateinischer Name) ist eine Kreuzung zwischen Katze, Hai und Waschbär. Das witzige Tierchen schreibt Gedichte und andere literarische Texte. Beruflich steht es aber den Kindern im Atelier Litera als Maskottchen zur Seite.
Gartenweg – Gegenwart
Blau – Laub
Baum – U-Bam
ein Baum, der wie eine U-Bahn funktioniert
Fenster – Fenerst
ein Tier aus einer Mischung aus Phönix und Greif
Gummi – Gimum
ein kleines Wesen, das in Steinwänden haust
Moos – Osom
ein grau-weisses Pferd mit Drachenflügel, das den Wind beherrschen kann, die Flügel sind manchmal unsichtbar
Alle weiteren Anagramme aus dem Atelier Litera können Sie hier nachlesen.
Esther Spinner
Esther Spinner ist freiberuflich als Schriftstellerin und Kursleiterin für Schreibkurse tätig. Sie lebt in Zürich und Italien. Neben ihren Büchern hat sie Beiträge für Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und für das Radio verfasst.
Atelier Litera
Atelier Litera ist ein kantonales Begabtenförderangebot der Schule Lenzburg im Aargauer Literaturhaus. Unter der Leitung der Schriftstellerin Svenja Herrmann feiert es in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen.
Gartenparadies Litar – Verena Stefan
Mit Esther Spinner und Anke Caroline Burger
Der literarische Abend im Gartenparadies Litar lud zu einer Femmage an die Autorin Verena Stefan (1947–2017) und ihren Garten in Kanada ein. Mit ihrem Kultbuch «Häutungen» (1975) war sie eine feministische Pionierin und daneben auch eine leidenschaftliche Gärtnerin. Die befreundete Autorin Esther Spinner übertrug ausserdem ihre Begeisterung für Anagramme auf Verena Stefan. Mit einem Anagramm-Atelier von Esther Spinner und einem Gespräch mit ihr und Übersetzerin Anke Caroline Burger zu Stefans Gartentexten (aus: «Ein Riss im Stoff des Lebens», Nagel & Kimche 2021).

Bild: Alfonsina Storni, Foto: zVg durch Edition Maulhelden.
Alfonsina Storni: Leben und Weiterleben
«In den grossen Frauen ruht das Universum», schreibt Alfonsina Storni (1892–1938). Im Tessin geboren, emigrierte sie als Kind mit ihrer Familie nach Argentinien und schlug sich dort als Aktivistin, Journalistin, Autorin und Theaterfrau durch. Die Wegbereiterin der lateinamerikanischen Avantgarde war in der deutschsprachigen Schweiz höchstens als Lyrikerin bekannt – bis zur Wiederentdeckung durch Hildegard Keller. Sie ist Herausgeberin, Übersetzerin und Biografin von Alfonsina Storni (Edition Maulhelden, 2020–2024).
Die wahre Trouvaille auf den Spuren Stornis, so Keller, sei ihr dramatisches Werk gewesen. Erstmals von Keller ins Deutsche übersetzt, las sie im Rahmen eines Tavolata-Abends Passagen aus Stornis experimentellem und surrealem Kindertheater. So tritt etwa in «Pedro und Pedrito» Micky Mouse auf die Bühne – ihm sei es auf der Leinwand langweilig geworden. Aber auch darin verstecke sich, ganz Storni, ein verspielter gesellschaftlicher Kommentar; hier auf die berühmte Kunstfigur Walt Disneys, die mit ihrem Erscheinen 1928 symbolisch für Argentiniens Verdrängung in der Filmindustrie durch Hollywood stehe. Stornis Theaterstücke seien allerdings nie vor Publikum aufgeführt worden. Es sei ihr grosser Traum gewesen, Theater für Erwachsene zu schreiben, erläutert Keller.
Während Alfonsina Storni in der Schweizer Rezeption nur wenige Spuren hinterlassen hat, bleibt sie in Argentinien mit ihren Gedichten unvergessen. So wirkte auch unser Tavolata-Abend nach: Der Lyrikübersetzer Christoph Ferber teilte mit uns seine bislang unpublizierte Übersetzung von Stornis Gedicht «Worte an meine Mutter».
Worte an meine Mutter
Nach keiner grossen Wahrheit will ich dich fragen,
Eine Antwort bekäme ich nie, ich möchte nur wissen,
Ob, als du mich austrugst, der Mond Zeuge war
Über den dunkel blühenden Gärten.
Und ob, als ich in deinem südländisch glühenden Schoss
Auflauschend schlief, ein raues, rauschendes Meer
Dich nachts einschlafen liess und du ins Gold der Dämmerung
Die Meervögel hast eintauchen sehen.
Denn meiner Seele, gehüllt in einen Nebel
Von leichtem Wahnsinn, gefällt es zu phantasieren,
Wenn in der Bläue des Himmels der Mond aufgeht,
Und, wenn vom Meer her starke Gerüche zu ihr gelangen,
Liebt sie es, sich zu wiegen im Singen der Matrosen und den grossen
Vögeln nachzuschauen in ihrem Flug ohne Schicksal.
– Aus dem Spanischen von Christoph Ferber
Zum Weiterlesen: Reader mit Auszügen aus der Werkausgabe von Hildegard Keller sowie dem spanischen Originalgedicht «Palabras a mi madre»
Hildegard Keller
Hildegard Keller lehrt Literatur, autobiografisches Schreiben und ist als Literaturkritikerin aus dem Fernsehen bekannt (Bachmannpreis, Literaturclub SRF). 2021 erschien ihr Hannah-Arendt Roman «Was wir scheinen», 2022 feierte ihr Film «Brunngasse 8» Premiere. Ihre Storni-Biografie wurde mit dem Gold Award ICMA ausgezeichnet. Nach Abschluss der sieben Bücher für Alfonsina Storni ist Hildegard nun frei für Neues.
Mehr: Hildegard Keller | Edition Maulhelden
Pionierinnen – Generationengespräche
Der Tavolata-Abend «Alfonsina Storni und Hildegard Keller» am 16. Juni 2026 war der dritte Anlass der Reihe «Pionierinnen – Generationengespräche» in der Galerie Litar. Eine lockere Tischrunde mit wechselnden Gästinnen, Generationengesprächen und Gerichten. Jeder Abend ist einer schreibenden Pionierin gewidmet.

Bild: Mariella Mehr, Foto: Ayse Yavas.
Mariella Mehr: Gewalt, Macht und Widerstand
«Ich tauge nicht fürs moderate Schreiben», so Mariella Mehr (1947–2022). Als jenisches Kind war sie betroffen von der Pro-Juventute-Aktion «Kinder der Landstrasse». Sie wurde zwangsweise von ihrer Mutter getrennt und wuchs bei Pflegeeltern, in Heimen und Internaten auf. Seit den 1970er Jahren arbeitete sie als Journalistin und Schriftstellerin: streitbar, aber immer sprachsensibel. 1997 emigrierte sie nach Italien, wo sie bis 2014 lebte. Mehr beleuchtete in ihren Texten die Ränder der Gesellschaft und gilt als zentrale Stimme der Schweizer Literatur, die weit über die Grenzen der Schweiz ausstrahlt.
Im Kreis einer grossen Tafelrunde tauschten sich Mehrs langjährige Weggefährtinnen Marianne Pletscher und Anna Ruchat über ihr Leben und Werk aus. Dabei waren – neben vielen Leser:innen – auch weitere Autorinnen, Editorinnen und Filmerinnen. Alle waren sich einig: Ihre Literatur erhebt sich, wühlt auf, und sticht mitten ins Herz. Doch was genau macht Mariella Mehr zu einer schreibenden Pionierin?
«Mariella Mehr macht zu einer Pionierin, dass sie sich mit eiserner Konsequenz gegen Ungerechtigkeit aller Art gewehrt hat. Eine Konsequenz, geprägt von persönlicher Erfahrung und Wut.»
– Marianne Pletscher, Dokumentarfilmerin und Autorin
«So wie Moos und Flechten, die sich auf Felsen ansiedeln, war Mariella eine ‹Pionierpflanze›, da sie sich in unterschiedlicher Weise an extreme Umwelt- und Bodenbedingungen angepasst hat und als Erste ein unfruchtbares Substrat besiedelte und so die Veränderung der Umweltfaktoren und die anschliessende Ansiedlung anderer Pflanzenarten und -gemeinschaften begünstigte.»
– Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin
«Mariella Mehr war eine Vorkämpferin und gehörte zu den Frauen, die entscheidend dafür waren, dass das an den Jenischen begangene Unrecht aufflog. Und ohne sie wäre wohl die ‹Radgenossenschaft der Landstrasse› nicht entstanden.»
– Esther Gisler Fischer, Beirätin der Radgenossenschaft der Landstrasse
«Mariella Mehr hat mit dem Skalpell geschrieben, mitten ins Fleisch. Sie hat den abgründigen Kontinent der Gewalt erkundet wie niemand sonst in der Schweizer Literatur. Und zwar weibliche Gewalt. Ihre Bücher sind gespickt mit Täterinnen, Rächerinnen und Frauen, die Lust am Töten haben. Das ist ein radikaler Tabubruch – auch heute noch. Das macht sie zu einer literarischen Pionierin.»
– Christa Baumberger, Herausgeberin «Mariella Mehr. Widerworte» (Limmat Verlag 2017)
«Mariellas standhafter Kampf für die Würde der Menschen, für Gerechtigkeit und gegen die Macht und die Mächtigen macht sie zu einer Pionierin in ihrem Tun. Aber auch in ihrem Schreiben, ihrer Sprache und ihren Worten, die uns den ganzen Körper hinab bis zu den Zehenspitzen durchrütteln und -schütteln.»
– Maryse Sablonier, Buchhändlerin
«Mariella Mehr lenkte als eine der Ersten die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Jenischen und zwar auf die Kinder der Landstrasse, und mit ihrem politischen Engagement und ihren Werken (man denke nur an ihre Rede ‹Von Mäusen und Menschen› (1998)!) legte sie den Finger auf den wunden Punkt.»
– Patrizia Ruth Pancaldi, Übersetzerin
Mehr zu Mariella Mehr:
Podcast in zwei Teilen von Anna Benjamin, Mariella Mehr, la voix des yéniches, Radio France, 10.05.2026. Mit Christa Baumberger, Erica Brühlmann-Jecklin, Michael Herzig, Thomas Huonker, Christian Mehr, Marianne Pletscher.
Marianne Pletscher
Marianne Pletscher ist Dokumentarfilmerin und Autorin. Ihr Augenmerk gilt den Brüchen in unserer Gesellschaft. Sie hat drei Filmporträts zu Mariella Mehr gemacht: «Jenseits der Landstrasse» (1986), «Mariella Mehr» (1999), «Die Kraft aus Wurt und Schmerz» (2007).
Anna Ruchat
Anna Ruchat ist Schriftstellerin und Literaturübersetzerin. Sie hat Mariella Mehr ins Italienische übersetzt und viel zur Vermittlung an ein italienisches Publikum beigetragen. Zuletzt erschienen ist ihre Anthologie «L'ultimo miglio di tempo» (FT – FinisTerrae 2025) mit 55 Gedichten von Mariella Mehr.
Pionierinnen – Generationengespräche
Der Tavolata-Abend «Mariella Mehr: mit Marianne Pletscher und Anna Ruchat» am 28. Mai 2026 war der zweite Anlass der Reihe «Pionierinnen – Generationengespräche» in der Galerie Litar. Eine lockere Tischrunde mit wechselnden Gästinnen, Generationengesprächen und Gerichten. Jeder Abend ist einer schreibenden Pionierin gewidmet.

Bild: Liliane Studer, Foto: zVg. Bild: Jil Erdmann, Foto: Anne Morgenstern.
Feministische Verlage: Netzwerke von und für Frauen
Rund zwanzig Frauen und ein Mann sitzen an einer langen Tavolata in der Galerie Litar: Verlegerinnen, Autorinnen und Leserinnen reichen sich Bücher von schreibenden Pionierinnen herum, hören einander gespannt zu und löffeln nur ab und an etwas Suppe – allzu versunken sind sie im Gespräch. Mehrere Generationen treffen aufeinander, alle angelockt von der Leitfrage des Abends: Weshalb braucht es feministische Verlage – damals wie heute?
Mit Liliane Studer (*1951) und Jil Erdmann (*1994) sind zwei Frauen zu Gast, die an vorderster Front von feministischen Verlagen stehen oder standen: in den 1990er Jahren im eFeF-Verlag (Liliane Studer) und im 2020 gegründeten Verlag sechsundzwanzig (Jil Erdmann). Beide Verlage teilen die Vision, vergessene Autorinnen zu entdecken, zeitgenössische Autorinnen zu fördern sowie Netzwerke von und für Frauen aufzubauen.
Als Anpackerinnen und Netzwerkerinnen zeigen Studer und Erdmann, wie sie der prekären Buchbranche trotzen – weil sie es wollen und müssen. Ein Buch kann dabei den entscheidenden Ausschlag geben: Für Erdmann war es die von Ruth Mayer herausgegebene Anthologie «Frauen erfahren Frauen», die 1982 in der legendären Edition R+F erschienen und mittlerweile vergriffen ist. Ein Fund, der sie dazu inspirierte, die Anthologie neu aufzulegen und die historischen Texte mit zeitgenössischen Stimmen in einen Dialog zu bringen – und für diesen Zweck einen eigenen Verlag zu gründen. Ihre Idee fand innerhalb der Community grossen Zuspruch und wurde durch ein Crowdfunding ermöglicht: 2021 erschien im Verlag sechsundzwanzig die Neuauflage von «Frauen erfahren Frauen» – quasi ein Generationengespräch in Buchform zwischen Verlegerinnen, Autorinnen und Leserinnen. Solche gemeinschaftlichen Projekte gab es in den 1970/80er Jahren viele, erinnern sich einige Teilnehmerinnen der Tischrunde. Ein besonderer Spirit habe damals in der Luft gelegen, ein spürbarer innerer Drang, einfach auszubrechen, Ideen umzusetzen und Kollektive zu gründen. Sich zusammenzuschliessen sei immer eine Chance, meint Studer, denn die Frage sei dann nicht, wie wir etwas nicht schaffen, sondern wie wir es schaffen.
Auch wenn ein starkes «Wir» hinter einer Verlagsgründung stehen kann, wie etwa das fünfköpfige Gründerinnen-Kollektiv beim eFeF-Verlag oder die rund 500 «Wemakeit»-Unterstützer:innen beim Verlag sechsundzwanzig, so bleiben die strukturellen Herausforderungen bestehen: Zwischen Wirtschaftsunternehmen und Kulturinstitutionen fallen Verlage oftmals zwischen Stuhl und Bank und fänden dadurch kaum Unterstützung, erklärt Studer. Die finanzielle Notlage des Buchmarkts beschäftigt die gesamte Tischrunde: Sei es die unzureichende Strukturförderung von Verlagen oder sei es die mangelnde Absicherung von Autorinnen, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Rentabel ist die Literaturbranche nicht; doch alle anwesenden Frauen sind sich einig, trotzdem weiter zu verlegen und zu schreiben. Und das für alle – schliesslich seien Frauenthemen, so Studer, auch Weltthemen, und hoffentlich beschränkt sich die Leserschaft nicht nur auf Frauen.
Veranstaltungsbericht von Nicole Schmid
Liliane Studer
Liliane Studer (*1951) ist Lektorin, Literaturvermittlerin und Publizistin. Viele Jahre war sie in der Verlagswelt tätig: Sie leitete unter anderem den eFeF-Verlag, war Co-Verlegerin beim Limmat Verlag und Lektorin beim Dörlemann Verlag.
Jil Erdmann
Jil Erdmann (*1994) ist gelernte Buchhändlerin und war an unterschiedlichen Orten in der Buch- und Verlagsbranche tätig. Sie ist Gründerin, Verlegerin und Geschäftsführerin des Verlags sechsundzwanzig.
Pionierinnen – Generationengespräche
Der Tavolata-Abend «Feministische Verlage: mit Liliane Studer und Jil Erdmann» am 9. April 2026 war der Auftakt der Reihe «Pionierinnen – Generationengespräche» in der Galerie Litar. Eine lockere Tischrunde mit wechselnden Gästinnen, Generationengesprächen und Gerichten. Jeder Abend ist einer schreibenden Pionierin gewidmet.