Blog
Ein Blick hinter die Kulissen einer Literaturausstellung und darüber hinaus: In unregelmässigen Abständen vertiefen Autor:innen, Studierende und weitere Beteiligte in diesem Blog ausgewählte Inhalte der Galerie Litar. Ein vielstimmiger Raum, wo die verschiedenen Fäden einer Ausstellung zusammenlaufen.
Pionierinnen – Generationengespräche

Bild: Mariella Mehr, Foto: Ayse Yavas.
Mariella Mehr: Gewalt, Macht und Widerstand
«Ich tauge nicht fürs moderate Schreiben», so Mariella Mehr (1947–2022). Als jenisches Kind war sie betroffen von der Pro-Juventute-Aktion «Kinder der Landstrasse». Sie wurde zwangsweise von ihrer Mutter getrennt und wuchs bei Pflegeeltern, in Heimen und Internaten auf. Seit den 1970er Jahren arbeitete sie als Journalistin und Schriftstellerin: streitbar, aber immer sprachsensibel. 1997 emigrierte sie nach Italien, wo sie bis 2014 lebte. Mehr beleuchtete in ihren Texten die Ränder der Gesellschaft und gilt als zentrale Stimme der Schweizer Literatur, die weit über die Grenzen der Schweiz ausstrahlt.
Im Kreis einer grossen Tafelrunde tauschten sich Mehrs langjährige Weggefährtinnen Marianne Pletscher und Anna Ruchat über ihr Leben und Werk aus. Dabei waren – neben vielen Leser:innen – auch weitere Autorinnen, Editorinnen und Filmerinnen. Alle waren sich einig: Ihre Literatur erhebt sich, wühlt auf, und sticht mitten ins Herz. Doch was genau macht Mariella Mehr zu einer schreibenden Pionierin?
«Mariella Mehr macht zu einer Pionierin, dass sie sich mit eiserner Konsequenz gegen Ungerechtigkeit aller Art gewehrt hat. Eine Konsequenz, geprägt von persönlicher Erfahrung und Wut.»
– Marianne Pletscher, Dokumentarfilmerin und Autorin
«So wie Moos und Flechten, die sich auf Felsen ansiedeln, war Mariella eine ‹Pionierpflanze›, da sie sich in unterschiedlicher Weise an extreme Umwelt- und Bodenbedingungen angepasst hat und als Erste ein unfruchtbares Substrat besiedelte und so die Veränderung der Umweltfaktoren und die anschliessende Ansiedlung anderer Pflanzenarten und -gemeinschaften begünstigte.»
– Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin
«Mariella Mehr war eine Vorkämpferin und gehörte zu den Frauen, die entscheidend dafür waren, dass das an den Jenischen begangene Unrecht aufflog. Und ohne sie wäre wohl die ‹Radgenossenschaft der Landstrasse› nicht entstanden.»
– Esther Gisler Fischer, Beirätin der Radgenossenschaft der Landstrasse
«Mariella Mehr hat mit dem Skalpell geschrieben, mitten ins Fleisch. Sie hat den abgründigen Kontinent der Gewalt erkundet wie niemand sonst in der Schweizer Literatur. Und zwar weibliche Gewalt. Ihre Bücher sind gespickt mit Täterinnen, Rächerinnen und Frauen, die Lust am Töten haben. Das ist ein radikaler Tabubruch – auch heute noch. Das macht sie zu einer literarischen Pionierin.»
– Christa Baumberger, Herausgeberin «Mariella Mehr. Widerworte» (Limmat Verlag 2017)
«Mariellas standhafter Kampf für die Würde der Menschen, für Gerechtigkeit und gegen die Macht und die Mächtigen macht sie zu einer Pionierin in ihrem Tun. Aber auch in ihrem Schreiben, ihrer Sprache und ihren Worten, die uns den ganzen Körper hinab bis zu den Zehenspitzen durchrütteln und -schütteln.»
– Maryse Sablonier, Buchhändlerin
«Mariella Mehr lenkte als eine der Ersten die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Jenischen und zwar auf die Kinder der Landstrasse, und mit ihrem politischen Engagement und ihren Werken (man denke nur an ihre Rede ‹Von Mäusen und Menschen› (1998)!) legte sie den Finger auf den wunden Punkt.»
– Patrizia Ruth Pancaldi, Übersetzerin
Mehr zu Mariella Mehr:
Podcast in zwei Teilen von Anna Benjamin, Mariella Mehr, la voix des yéniches, Radio France, 10.05.2026. Mit Christa Baumberger, Erica Brühlmann-Jecklin, Michael Herzig, Thomas Huonker, Christian Mehr, Marianne Pletscher.
Marianne Pletscher
Marianne Pletscher ist Dokumentarfilmerin und Autorin. Ihr Augenmerk gilt den Brüchen in unserer Gesellschaft. Sie hat drei Filmporträts zu Mariella Mehr gemacht: «Jenseits der Landstrasse» (1986), «Mariella Mehr» (1999), «Die Kraft aus Wurt und Schmerz» (2007).
Anna Ruchat
Anna Ruchat ist Schriftstellerin und Literaturübersetzerin. Sie hat Mariella Mehr ins Italienische übersetzt und viel zur Vermittlung an ein italienisches Publikum beigetragen. Zuletzt erschienen ist ihre Anthologie «L'ultimo miglio di tempo» (FT – FinisTerrae 2025) mit 55 Gedichten von Mariella Mehr.
Pionierinnen – Generationengespräche
Der Tavolata-Abend «Mariella Mehr: mit Marianne Pletscher und Anna Ruchat» am 28. Mai 2026 war der zweite Anlass der Reihe «Pionierinnen – Generationengespräche» in der Galerie Litar. Eine lockere Tischrunde mit wechselnden Gästinnen, Generationengesprächen und Gerichten. Jeder Abend ist einer schreibenden Pionierin gewidmet. Mehr Infos: Agenda

Bild: Liliane Studer, Foto: zVg. Bild: Jil Erdmann, Foto: Anne Morgenstern.
Feministische Verlage: Netzwerke von und für Frauen
Rund zwanzig Frauen und ein Mann sitzen an einer langen Tavolata in der Galerie Litar: Verlegerinnen, Autorinnen und Leserinnen reichen sich Bücher von schreibenden Pionierinnen herum, hören einander gespannt zu und löffeln nur ab und an etwas Suppe – allzu versunken sind sie im Gespräch. Mehrere Generationen treffen aufeinander, alle angelockt von der Leitfrage des Abends: Weshalb braucht es feministische Verlage – damals wie heute?
Mit Liliane Studer (*1951) und Jil Erdmann (*1994) sind zwei Frauen zu Gast, die an vorderster Front von feministischen Verlagen stehen oder standen: in den 1990er Jahren im eFeF-Verlag (Liliane Studer) und im 2020 gegründeten Verlag sechsundzwanzig (Jil Erdmann). Beide Verlage teilen die Vision, vergessene Autorinnen zu entdecken, zeitgenössische Autorinnen zu fördern sowie Netzwerke von und für Frauen aufzubauen.
Als Anpackerinnen und Netzwerkerinnen zeigen Studer und Erdmann, wie sie der prekären Buchbranche trotzen – weil sie es wollen und müssen. Ein Buch kann dabei den entscheidenden Ausschlag geben: Für Erdmann war es die von Ruth Mayer herausgegebene Anthologie «Frauen erfahren Frauen», die 1982 in der legendären Edition R+F erschienen und mittlerweile vergriffen ist. Ein Fund, der sie dazu inspirierte, die Anthologie neu aufzulegen und die historischen Texte mit zeitgenössischen Stimmen in einen Dialog zu bringen – und für diesen Zweck einen eigenen Verlag zu gründen. Ihre Idee fand innerhalb der Community grossen Zuspruch und wurde durch ein Crowdfunding ermöglicht: 2021 erschien im Verlag sechsundzwanzig die Neuauflage von «Frauen erfahren Frauen» – quasi ein Generationengespräch in Buchform zwischen Verlegerinnen, Autorinnen und Leserinnen. Solche gemeinschaftlichen Projekte gab es in den 1970/80er Jahren viele, erinnern sich einige Teilnehmerinnen der Tischrunde. Ein besonderer Spirit habe damals in der Luft gelegen, ein spürbarer innerer Drang, einfach auszubrechen, Ideen umzusetzen und Kollektive zu gründen. Sich zusammenzuschliessen sei immer eine Chance, meint Studer, denn die Frage sei dann nicht, wie wir etwas nicht schaffen, sondern wie wir es schaffen.
Auch wenn ein starkes «Wir» hinter einer Verlagsgründung stehen kann, wie etwa das fünfköpfige Gründerinnen-Kollektiv beim eFeF-Verlag oder die rund 500 «Wemakeit»-Unterstützer:innen beim Verlag sechsundzwanzig, so bleiben die strukturellen Herausforderungen bestehen: Zwischen Wirtschaftsunternehmen und Kulturinstitutionen fallen Verlage oftmals zwischen Stuhl und Bank und fänden dadurch kaum Unterstützung, erklärt Studer. Die finanzielle Notlage des Buchmarkts beschäftigt die gesamte Tischrunde: Sei es die unzureichende Strukturförderung von Verlagen oder sei es die mangelnde Absicherung von Autorinnen, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Rentabel ist die Literaturbranche nicht; doch alle anwesenden Frauen sind sich einig, trotzdem weiter zu verlegen und zu schreiben. Und das für alle – schliesslich seien Frauenthemen, so Studer, auch Weltthemen, und hoffentlich beschränkt sich die Leserschaft nicht nur auf Frauen.
– Veranstaltungsbericht von Nicole Schmid, Litar.
Liliane Studer
Liliane Studer (*1951) ist Lektorin, Literaturvermittlerin und Publizistin. Viele Jahre war sie in der Verlagswelt tätig: Sie leitete unter anderem den eFeF-Verlag, war Co-Verlegerin beim Limmat Verlag und Lektorin beim Dörlemann Verlag.
Jil Erdmann
Jil Erdmann (*1994) ist gelernte Buchhändlerin und war an unterschiedlichen Orten in der Buch- und Verlagsbranche tätig. Sie ist Gründerin, Verlegerin und Geschäftsführerin des Verlags sechsundzwanzig.
Pionierinnen – Generationengespräche
Der Tavolata-Abend «Feministische Verlage: mit Liliane Studer und Jil Erdmann» am 9. April 2026 war der Auftakt der Reihe «Pionierinnen – Generationengespräche» in der Galerie Litar. Eine lockere Tischrunde mit wechselnden Gästinnen, Generationengesprächen und Gerichten. Jeder Abend ist einer schreibenden Pionierin gewidmet. Mehr Infos: Agenda